Eine Zugfahrt, genau wie das Leben…

Zug_Nebel

Letzte Woche bin ich von Bad Kreuznach nach Berchtesgaden gefahren. Runde 600 km von  Rheinland Pfalz bis hinunter in den südöstlichsten Zipfel Bayerns. Die Bahn sollte mich bis Bernau an den Chiemsee bringen. Dort hatte ich mein Auto geparkt, mit dem ich die letzten 70 km bis nach Berchtesgaden zurücklegen würde. Doch kurz vor dem Umsteigen in Mainz kam die Durchsage, dass mein gebuchter EC, der mich bis zum Chiemsee hätte bringen sollen, komplett ausfällt. Es gab keine weiteren Erläuterungen oder Hilfestellungen außer dem Hinweis, dass Reisende sich doch ans Reisezentrum der Bahn wenden sollten. Da stand ich dann mit meinem Gepäck und fluchte innerlich vor mich hin. So gut hatte ich alles durchgeplant, um 17:00 Uhr wollte ich zuhause sein und den Nachmittag bei einer Tasse Kaffee mit Blick auf die Berge gemütlich ausklingen lassen. Und jetzt das!

„Heute wird es wohl spät werden“, dachte ich frustriert. Doch als ich auf den Bahnsteig trat, fuhr wie durch ein Wunder zeitgleich auf dem Bahnsteig gegenüber ein ICE ein. Ziel München! Auch wenn die Route eine ganz andere war, würde mich dieser Zug zumindest bis München bringen, von dort würde ich dann schon weiterkommen. Ich stieg ein. Genügend freie Plätze gab es auch. Soweit war alles in bester Ordnung.

Signale_Zug

 

Über meine Bahn App habe ich dann herausgefunden, dass für meinen ausgefallenen EC ein Ersatzzug bereitgestellt wurde. Sollte mein ICE pünktlich sein, könnte ich diesen in München noch erreichen und wäre wie geplant um 17:00 Uhr zuhause. Was für eine angenehme Vorstellung! Doch es kam anders. Mein ICE bummelte herum und verlor immer mehr Zeit, sodass es fraglich schien, dass ich den Anschluss in München bekommen würde. Und so habe ich wieder die Bahn App befragt. Und siehe da – der Ersatzzug war erheblich verspätet und würde erst 30 Minuten später in München eintreffen. Somit würde ich diesen zwar problemlos erreichen, jedoch nicht den Regionalzug in Prien am Chiemsee, der mich nur eine Station weiter nach Bernau zu meinem Auto bringen würde. Und ich wollte doch so gerne um 17:00 Uhr zuhause ein! Also habe ich wieder und wieder auf meinem Smartphone herumgetippt. Und fand heraus, dass ich auch ab München mit der S-Bahn zum Ostbahnhof fahren und von dort direkt in meinen Regionalzug nach Bernau einsteigen könne. Inzwischen war ich fast in Ingolstadt angekommen und die BahnApp informierte mich, dass die Verspätung des Ersatzzuges nunmehr nur noch 15 Minuten betrug. Ich würde also auch  meinen Anschluss in Prien bekommen. In München angekommen, stellte ich fest, dass da nicht der angekündigte Zug stand, sondern ein weiterer Ersatzzug, der tatsächlich mit nur 15-minütiger Verspätung losfuhr, allerdings auf einer völlig unvertrauten Route – im Schneckentempo ruckelte dieser einen großen Umweg über die S-Bahn-Gleise, statt wie sonst zügig über den Ostbahnhof. „What a mess“ stellte eine italienische Touristin resigniert fest. Und schon wieder schlichen sich leise Zweifel bei mir ein, ob ich denn noch „auf Kurs“ war.

Gleise_Chaos

Doch letztendlich erreichte ich meinen Regionalzug in Prien und mein Auto in Bernau absolut pünktlich, und zwar genau zu der gleichen Zeit, die auf meinem Bahnticket ausgedruckt war. Ich war sogar noch 10 Minuten früher als geplant zuhause. Ich hatte mein Wunschziel – um 17:00 Uhr gemütlich in meiner Küche Kaffee trinken – erreicht. Aber wie hatte ich es erreicht?

Mein Ziel war doch klar formuliert gewesen. Ich hätte problemlos darauf vertrauen können. Der richtige Zug, der mich zur rechten Zeit weiterbringen würde, war immer da. Ich bin angekommen, auch wenn ich ganz andere Strecken gefahren bin als geplant. Ich hätte viel entspannter sein können, wenn ich mich nicht ängstlich ständig vergewissert hätte, ob ich denn jetzt meinen Anschluss bekomme oder ob ich nicht gerade eine bessere Option verpasse. Wohlgemerkt: Ich hätte.

Warum ich diese – an für sich belanglose – Geschichte erzähle?

Weil mir klargeworden ist, was diese Episode mir sagen will. Diese Zugfahrt ist für mich eine wunderbare Metapher für das Leben.

Es geht darum, dass wir unser (Lebens)ziel klar formulieren. Und zwar vor allem die emotionalen Aspekte. Was ist mir wirklich wichtig, wie möchte ich leben, was will ich tun, wie soll sich das anfühlen?

Wenn wir dieses Ziel formuliert haben, sollten wir einfach nur vertrauen und uns vom Leben tragen lassen! Einfach so. Ohne ständiges Hinterfragen oder sich sorgen, so wie ich das gemacht habe. Letztendlich hat mir das alles keinen einzigen Vorteil und schon gar keine Sicherheit gebracht. Es hätte vollkommen ausgereicht, mich intuitiv in den nächsten Zug setzen, den mir das Leben direkt vor die Nase geschoben hat.  Das Fernziel vor Augen, hätte ich entspannt und staunend die Fahrt genießen sollen, auch wenn meine Route ganz anders verlief als geplant.

Kennt ihr das Gefühl, dass das Leben gerade kein bisschen planbar ist? Dass alles irgendwie ziemlich aus dem Ruder zu laufen scheint – ganz egal, ob es das eigene Leben ist, oder das Geschehen in der Welt „da draußen.“ Nichts ist wirklich vorhersehbar. Wo stehen wir, wo steht die Welt in einem Monat, in einem Jahr? Das Ausmaß der Sorgen und Ängste scheint sich gerade umgekehrt proportional zu unseren gewohnten Gewissheiten und Sicherheiten zu verhalten. Je mehr wir versuchen, zu planen, um zumindest ein kleines bisschen Kontrolle und Sicherheit wiederzubekommen, umso stressiger und ungewisser wird es. Je mehr wir uns zurücklehnen und vertrauen können, umso entspannter kommen wir an.

Zugegeben: Das Leben wiegt natürlich schwerer als eine Zugfahrt von Rheinland-Pfalz nach Bayern. Auf unseren Lebensgleisen passieren wir ganz andere Bahnhöfe: Zweifel, Kummer, Sorgen, Krankheit, Stress, schwere Entscheidungen, Existenzängste.  Dennoch letztendlich geht es immer um dasselbe. Setzen wir uns entspannt in den Zug? Vertrauen wir dem Leben und dem gewählten Pfad, auch wenn  gerade nichts planbar scheint und wir – scheinbar – manchmal eine ganz andere Route nehmen müssen? Oder lassen wir uns von unseren Ängsten, Zweifeln und Sorgen immer wieder aus dem Gleichgewicht bringen?

Zug_Berge

Ich bin mittlerweile fest überzeugt davon, dass das Leben dafür sorgt, dass wir ankommen – sofern wir unser Ziel bestimmt haben. Wie wir ankommen, ist allein unsere Wahl.

Ich zumindest bin sehr dankbar für diese Erfahrung. Und ich wünsche euch allen ganz viel Gelassenheit auf eurer Reise zu eurem Ziel, wo immer dieses euch auch hinführen mag.

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