Leben statt leiden – die Befreiung des Sisyphos

Es ist wirklich seltsam – ich kenne niemanden, der von sich aus behaupten würde, gerne zu leiden. Ich gehöre natürlich auch nicht dazu. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn wenn man einmal genauer hinschaut, sind wir Menschen hervorragende Leidenskünstler. Oft unser ganzes Leben lang.

Sisyphos, um 1400 v. Chr. König von Korinth, ist zu einem Symbol geworden für das Absurde, das Unsinnige, das im Leiden steckt. Als Strafe dafür, dass er die Götter immer wieder ausgetrickst hat, muss er fortan bis in alle Ewigkeit einen Felsblock einen Berg hinaufwälzen, der, fast am Gipfel, jedes Mal wieder ins Tal hinabrollt.

Sisyphos
Sisyphos nach Tizian, Wikipedia, gemeinfreie Lizenz

Bis heute steht die „Sisyphusarbeit“ für eine unsinnige und mühsame Tätigkeit, die nicht endet und auch keinen Erfolg hervorbringt. Doch obwohl Sisyphos Leiden überhaupt keinen Sinn macht, hört er nicht auf damit. Die Götter haben es schließlich so gewollt. Pech gehabt.

Wer leidet, ist immer Opfer

Wer leidet, kann schließlich nichts dafür. Immer gibt es ein „Außen“ – eine Person, mehrere Personen, eine Institution, die Gesellschaft oder was auch immer –  die dafür verantwortlich ist, dass man leidet. Deshalb kann man nichts tun, nichts ändern.

Wirklich?

Leiden bedeutet immer auch, Opfer zu sein. Und Opfer zu sein, ist bequem. Ein Opfer braucht keine Verantwortung zu übernehmen. Dafür gibt es ja den Täter.

Auch wenn wir es ungern zugeben – wir Menschen sind geradezu fasziniert von der Sinnlosigkeit des Leidens und unserer Opferrolle. Dabei ist uns oft noch nicht einmal bewusst, wie sehr diese Haltung uns prägt, oft unser ganzes Leben lang.

Nun hat das Thema „Leid“ in unserer abendländisch-christlichen Kultur eine lange Tradition. Momentan haben wir wieder Fastenzeit, da ist das Thema besonders präsent. Nicht ohne Grund spricht man auch vom „Leidensweg Christi“, der letztendlich darin bestand, das eigene Leben für andere zu „opfern“. Leider fand die Erlösung erst nach dem Tod statt, ohne eigenes Zutun. Die Glorifizierung dieser passiven Opferhaltung ist tief in unserem Unterbewusstsein abgespeichert.

Vielleicht denken Sie jetzt, dass Sie das Thema nicht betrifft. Sie leiden ja nicht. Wenn das so sein sollte, dann herzlichen Glückwunsch! Vielleicht lohnt es sich dennoch, weiterzulesen. Denn meist kommt das Leiden so subtil daher, dass wir es lange gar nicht als solches erkennen können (und wollen!).

Nehmen wir zum Beispiel zwischenmenschliche Beziehungen: Ein ewiges Schlachtfeld des Leidens und der sinnlosen Täter-Opfer-Spiele.

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Es gibt Menschen, die leiden, weil sie immer wieder an einen Partner geraten, der sie in ihrem negativen Selbstwert bestätigt. Der das Fass ihrer Erwartungen nicht füllen kann, weil es ein riesiges Loch hat. Oder der sie herabwürdigt und kontrolliert und ihnen dadurch immer wieder bestätigt, dass sie nichts wert sind. Ganz egal, ob das ein langjähriger Partner ist oder ob diese häufiger wechseln: Wer sich nicht selbst daraus befreit, darf ein Leben lang Sisyphos‘ Stein rollen.

Andere leiden, weil sie erst überhaupt keinen Partner finden. Oder nur solche, die sich gar nicht wirklich einlassen wollen. Warum? Weil sie gar nicht wollen, dass sich jemand wirklich einlässt. Und wenn es doch einer täte, dann würden sie auch nicht glücklich werden, sondern in kürzester Zeit dafür sorgen, dass der alte Zustand – also das vertraute Leidensgefühl – wiederhergestellt würde.

Liebe Frauen, solltet ihr den Männern vorwerfen, dass diese sich nicht auf euch einlassen wollen oder keine Gefühle zeigen – seid euch bewusst, dass ihr es seid, die die größte Angst vor Nähe habt. Und liebe Männer, solltet ihr euren Frauen vorwerfen, euch „klein“ zu halten – leider seid ihr es selbst, die euch klein haltet. Euer Gegenüber ist nur euer eigener Spiegel, sonst nichts. Sogenannte „Seelenpartnerschaften“, auch „Dualseelen“ genannt, funktionieren übrigens genau nach diesem Muster – oft ein Leben lang. Man kommt trotz überwältigender Liebe für den anderen nie zusammen, weil jeder es vorzieht, in seinem Leiden gefangen zu bleiben und sein Steinchen tapfer weiterzurollen.

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Es gibt auch Menschen, deren Leben ein ständiger Kampf darstellt. Die immer wieder glauben, sich durchzusetzen, sich behaupten zu müssen, damit sie nicht untergehen. Demzufolge wird natürlich auch das gesamte Leben ein immerwährender Kampf sein, der viel Kraft und Energie kostet. Das Leiden beenden? Ein Leben ohne Kampf, dafür mit Liebe? Unvorstellbar. Vielleicht wäre man auf einmal glücklich – ein ganz unbekanntes Terrain. Dann lieber weiterkämpfen, notfalls gegen die Krankheiten, die auftauchen. Es war doch schon immer so.

Andere leiden, weil sie sich für andere verausgaben. Das Mutter-Theresa-Syndrom. Wer immer nur gibt, ohne den eigenen Selbstwert erkannt zu haben, brennt aus. Und bleibt ein Leben lang Opfer, denn die undankbare Welt gibt nie auch nur einen Bruchteil dessen zurück, was man für sie tut. Und so rollt Sisyphos‘ Stein ewig weiter…

Ein weiteres dankbares Leidensthema sind Geldprobleme. Geldsorgen wurzeln immer in einer tief sitzenden Selbstwertproblematik. Zugegeben, die ist nicht so leicht zu finden. Dazu braucht es neben völliger Selbstannahme vor allem Kraft und Ausdauer. Doch der Weg aus der Misere geht immer nach innen. Wer Geldprobleme hat oder gar langzeitarbeitslos ist, bekommt die eigene Opferrolle im Außen gnadenlos immer und immer wieder gespiegelt. Denn Täter gibt es viele. Den Banker, der kein Geld mehr auszahlt, die Schikanen im Jobcenter, die Inkassofirmen mit horrenden Forderungen etc…

Manche Menschen brauchen ihre Krankheiten, um zu leiden. Wie gut, dass unser Gesundheitssystem so viele Täter produziert, die Gesundheit nahezu unmöglich machen.

Andere wollen ihre Krankheit möglichst schnell wieder weg haben, damit sie endlich wieder funktionieren dürfen und weiterhin leiden können. Das Leiden einfach mal anhalten, um die Lebensvariante „Glück“ auszuprobieren? Scheint oft schwierig bis unmöglich zu sein.

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Warum leiden wir so lange, oft jahrzehnte- oder gar lebenslang? Die Antwort ist so einfach wie ernüchternd. Weil wir es nicht anders kennen und nie anders kennengelernt haben. Unsere destruktiven Leidensmuster entstehen in unserer frühen Kindheit. Bereits als kleine Kinder erfahren wir, dass wir so, wie wir sind, nicht vollständig sind und daher nicht bedingungslos angenommen werden. Die allermeisten Menschen haben Liebe zuallererst als Mangelthema erfahren: etwas, wofür man sich anstrengen muss, was man sich verdienen muss, wofür man nicht gut genug ist und was man eben nicht einfach so bekommt. Hier beginnt Sisyphos‘ Martyrium, hier wird ihm der Stein in die Hand gelegt: Von nun an darf er schuften bis zum Umfallen. Liebe bekommen, einfach so, ohne irgendein Zutun? Gibt es nicht.

Nicht jeder hatte deswegen eine grottenschlechte Kindheit. Aber Eltern sind alle auch nur Menschen und haben als Kind ebenfalls Mangelerfahrungen gemacht. Dazu kommen die Traumata zweier Weltkriege sowie kollektive Muster, die bereits seit vielen Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden unser Bewusstsein prägen.

Das betrifft Männer wie Frauen gleichermaßen. Dass das Thema „Selbstständigkeit“ vor allem für Frauen kein Selbstläufer ist, sondern mit vielen alten Mustern und Blockaden belastet ist, habe ich in den letzten sechs Jahren meiner freiberuflichen Tätigkeit immer wieder selbst erfahren und bearbeiten dürfen. Jahrhunderte, wenn nicht gar Jahrtausende lang wurde den Frauen eingetrichtert, dass zur Selbstständigkeit immer ein Mann gehört. Damit sind das Leiden und die Opferrolle natürlich vorprogrammiert.

Doch auch die Männer sind Opfer. Sie wurden von den Frauen, die  aus ihrer eigenen Opferrolle nicht hinaus konnten oder -wollten, klein gehalten, manipuliert und kontrolliert – bis heute.

Die gute Nachricht: Das alles darf sich nun ändern. Und es ändert sich. Immer mehr Menschen spüren, dass sie die alten, destruktiven Leidensmuster nicht mehr länger leben können und möchten. Momentan sind es vor allem die Frauen, die es schaffen, sich zu befreien – doch die Männer beginnen bereits, ihnen zu folgen.

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Ich denke, es ist an der Zeit, Ostern einmal anders zu feiern. Wir müssen nicht auf den Tod warten, um endlich befreit, um wiedergeboren zu werden. Wir dürfen das jetzt schon tun. In diesem Moment, denn es gibt nur diesen einen Moment. Und wir müssen auch nicht bis an unser Lebensende Sisyphos‘ Stein den Berg hinaufrollen. Wir können ihn einfach unten liegenlassen und endlich einmal mit dem Leben anfangen. Unserem Leben. Dem wirklichen Leben. 

 

 

 

2 Gedanken zu „Leben statt leiden – die Befreiung des Sisyphos“

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