Loslassen – wie es gelingt

Etwas loslassen – wie oft im Leben hören wir, wie wichtig das sei. Mir zumindest ist das immer wieder passiert. Doch es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich verstanden habe, was damit wirklich gemeint ist. Auch heute noch kommt es vor, dass ich mich derart in eine Sache verstrickt habe, dass ich gar nicht sofort erkenne, dass es (wieder mal) ums Thema Loslassen geht. Dann hilft nur eins: Tief atmen, ein paar Schritte zurücktreten und nach dem wahren Grund für die unbehagliche Situation suchen. Nicht loslassen können macht immer Stress, denn es löst starke ambivalente Gefühle aus: Eigentlich sehe ich da am Horizont schon etwas Neues, etwas Leichteres kommen, oder zumindest spüre ich es – doch da ist auch etwas, das mich immer wieder davon abhält, diesem Gefühl zu folgen.

In der Tat – kaum etwas im Leben fällt uns Menschen so schwer wie der Prozess des Loslassens. Lieber ertragen wir jede Menge unangenehmer Gefühle, oft sogar jahrelang.

Doch was bedeutet Loslassen eigentlich wirklich – und wozu ist es gut? 

Eine Geschichte, die von Osho überliefert wurde, bringt es auf den Punkt:

Ein Mann unternahm eine Wanderung auf einen Berg. Doch er verirrte sich, und als die Dunkelheit hereinbrach, hatte er den Weg nach Hause noch immer nicht gefunden. Da bekam er große Angst, weil er nicht wusste, was er als Nächstes tun sollte. Irgendwann war es stockdunkel und der Mann geriet in Panik. Plötzlich stolperte er und stürzte in die Tiefe. Er rutschte und rutschte – doch in wirklich allerletzter Sekunde gelang es ihm, mit seinen Händen zwei Wurzeln zu packen. Da hing er nun strampelnd am Abgrund und versuchte, sich so gut es irgendwie ging, festzuhalten. Er begann zu schreien, doch niemand hörte ihn, und niemand kam ihm zu Hilfe. So vergingen die Stunden und seine Arme wurden immer schwerer, die Hände wurden immer klammer und der Mann bekam Todesangst, da er wusste, dass er sich nicht mehr lange halten konnte. Bald würde er loslassen müssen und in die Tiefe stürzen. In seiner tiefsten Verzweiflung begann er zu beten. Erst betete er zu seinem Gott, dann zu allen anderen Göttern, die er kannte. Doch nichts half. Irgendwann am frühen Morgen waren seine Hände nicht mehr imstande, sein Gewicht zu halten. Der Mann ließ los – und stürzte ab.

Doch welche Überraschung! Er stürzte nicht ins Bodenlose – nein, er fiel gerade einmal 20 cm tief. Denn in der Dunkelheit hatte er nicht gesehen, dass er sich die ganze Zeit über nur ganz knapp über dem Boden befunden hatte. Verwirrt rieb sich der Mann die schmerzenden Handgelenke. „Da habe ich nun alle Götter dieser Welt angefleht, weil ich mich in höchster Gefahr glaubte, und war doch die ganze Zeit in Sicherheit“, stellte er resigniert fest. „Ich hätte einfach nur loslassen müssen, und mir wäre diese Nacht voller Ängste erspart geblieben“. Und kopfschüttelnd machte er sich an einem sonnigen Morgen auf den Weg zu seinem Haus, welches zufälligerweise ganz in der Nähe war.

Die Angst vor dem Loslassen hatte dem Mann eine wirklich dramatische Nacht beschert. Dabei war er nie wirklich in Gefahr gewesen. Aus lauter Angst vor seinem vermeintlichen Ende war es ihm nicht möglich, einfach darauf zu vertrauen, dass ihm nichts passieren würde.

Etwas loslassen zu müssen, das ist immer mit einer tiefen Angst verbunden. Es ist die Angst, etwas „todsicher“ zu verlieren – einen Menschen vielleicht, einen Arbeitsplatz, gesellschaftlichen Status, finanzielle Sicherheit und Wohlstand, ein Gefühl von Heimat, am Ende sogar das eigene Leben. Auch wenn die Vorstellung des Verlustes sehr schmerzhaft sein mag – nichts davon können wir wirklich dauerhaft festhalten. Spätestens am Ende unseres Lebens müssen wir ohnehin radikal alles loslassen – letztendlich sogar das Leben selbst.

Ängste erscheinen immer größer als sie wirklich sind

Dabei sind all unsere Ängste, so real sie sich auch in diesem Moment anfühlen mögen und so sehr sie uns auch belasten, in Wirklichkeit so etwas wie Spielzeugtiger. Solange wir sie als Schatten betrachten, den das Licht an die Wand wirft, erscheinen sie riesengroß und gefährlich. Erst aus nächster Nähe erkennen wir, dass wir uns getäuscht haben und sie uns nicht wirklich etwas anhaben können.

Betrachte die Welt einmal aus einer anderen Perspektive! In Wahrheit ist es gar nicht möglich, etwas außerhalb von dir selbst wirklich zu verlieren. Das, was wir zu verlieren fürchten, sind immer irgendwelche äußeren Dinge, die wir zu brauchen glauben. Doch es gibt auch etwas Unveränderliches, etwas, das uns ausmacht und das immer bei uns bleibt, ganz egal, was im Außen passiert: Das ist unsere Essenz, unser wahres Wesen oder auch unser Selbst. Wer regelmäßig meditiert, erlebt irgendwann, dass unsere Gedanken nicht mit uns identisch sind, sondern dass es da eine Instanz in uns gibt, die im Hier und Jetzt existiert und sich von den Ängsten der Vergangenheit und den Sorgen der Zukunft nicht beeinflussen lässt. Hier, in der Tiefe unseres Selbst, ist immer Frieden.

Wenn wir nicht loslassen können, liegt es also daran, dass wir mit alten Ängsten konfrontiert werden. Es ist ungemein hilfreich, sich diese Tatsache in einem ersten Schritt einfach nur bewusst zu machen. Die Gefühle sind da, sie dürfen sein, aber wenn sie keine Energie bekommen, werden sie zu dem, was sie sind: Spielzeugtiger.

Leben ist oft anders als unsere Vorstellung davon

In einem zweiten Schritt geht es darum, einmal ganz genau zu beleuchten, welches Bild wir eigentlich von unserem Leben haben. Was wir loslassen dürfen, ist die Vorstellung, dass unser Leben genau so und nicht anders zu sein hat. Oft haben wir ja ein ganz konkretes Bild – von einer Partnerschaft, der Familie, dem beruflichen Werdegang, der Wohnsituation oder dem eigenen Lebensweg generell.

Natürlich ist es hilfreich, sich Lebensziele zu setzen und diese mit Bildern zu visualisieren – solange wir sie nicht festhalten und kontrollieren wollen. Das Leben kennt viele Wege, und es folgt einem ganz eigenen Drehbuch, welches sich unserer Kontrolle entzieht. Vieles wird leichter, wenn es gelingt, feste Vorstellungen aufzugeben und sich treiben zu lassen, im tiefen Vertrauen darauf, dass das Leben es letztendlich immer gut mit uns meint. Erst dann können wir wirklich unser Leben gestalten – durch Loslassen, nicht durch Kontrolle!

Wer loslässt, hat wieder eine Hand frei – und kann etwas Neues dafür nehmen

Eine ganz häufige Angst ist Verlustangst, zum Beispiel die Angst davor, einen Menschen zu verlieren. Doch können wir einen Menschen, mit dem wir zutiefst verbunden sind, wirklich verlieren? Auch wenn wir ihn nicht (mehr) sehen können, ist er doch trotzdem immer da. Was wir immer wieder loslassen müssen, ist die Idee, dass ein Mensch eine bestimmte Rolle in unserem Leben einnehmen müsste. Eine Rolle, die wir (oder vielmehr unser ängstliches Ego) ihm zugewiesen haben. Vielleicht, weil wir meinen, ihn zu brauchen und weil wir uns von ihm abhängig fühlen. Dann basiert unsere Beziehung jedoch nicht auf Liebe, sondern auf einem Gefühl von Mangel. Loslassen bedeutet jedoch auch, dem anderen sein „Los zu lassen.“

Wahre Liebe ist bedingungslos

Wahre Liebe hält nichts, sie will nichts und fordert nichts – daher ist sie auch jederzeit in der Lage, loszulassen. Nur wer gelernt hat, sich selbst bedingungslos zu lieben und sich selbst zu genügen, ist dazu fähig. Manchmal müssen wir auch loslassen, weil ein Mensch gestorben ist. Dann ist es wichtig, zu trauern und diese Gefühle auch zuzulassen. Denn Trauern ist ein lebensnotwendiger Prozess. Das befreiende Gefühl des Loslassens kann sich erst einstellen, wenn die Trauer angenommen und durchlebt wurde.

Und was ist mit der Existenzangst? Auch diese ist in der Tat nur ein Spielzeugtiger. Es ist nämlich gar nicht möglich, die eigene Existenz zu verlieren – es sei denn, wir definieren „Existenz“ als einen gewissen Status quo, an dem wir unbedingt festhalten wollen. Hier muss jeder für sich selbst entscheiden: ist mir die vermeintliche Sicherheit so wichtig, dass ich lieber im ungeliebten Job oder in einer unbefriedigenden Beziehung gefangen bleibe?

Sturzhöhe 20 cm

Diese Ambivalenz mit all ihren Ängsten gilt es für eine Weile auszuhalten – bloß um irgendwann festzustellen, dass die Sturzhöhe gerade einmal 20 cm betrug.

Loslassen kann man erlernen. Das Gute daran: Es geht von Mal zu Mal leichter.  Wer wirklich – mit Dankbarkeit und ohne Groll – loslässt, macht immer wieder die Erfahrung, dass nun endlich etwas Neues ins Leben kommen kann. Und dieses Neue kommt garantiert – ein Geschenk des Lebens an dich. Verlass‘ dich drauf.

 

 

 

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