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Persönliche Kraftorte – eine Einladung zum „Perspektive wechseln“

 

Vielleicht haben Sie auch irgendwo draußen in der Natur einen Lieblingsort – einen ganz persönlichen „Kraftplatz“, zu dem es Sie immer wieder zieht und an der für Sie eine ganz besondere Bedeutung hat. Meist sind das diejenigen Orte, nach denen man nicht gezielt gesucht hat – man findet sie entweder eher „zufällig“ – oder sie finden einen.

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Einer meiner persönlichen Lieblingsorte befindet sich oberhalb von Berchtesgaden, an einem Waldweg am Oberkälberstein zwischen Wildgehege und der Skisprungschanze. In einer ungewöhnlich geformten, moosbewachsenen Felsformation steht, geschützt in einer Nische, eine Marienfigur. Es ist eine sehr weibliche, sehr positive und friedliche Maria, und sie trägt eine Krone und ist von einem Strahlenkranz umgeben. Sie scheint mit sich und der Welt voll und ganz im reinen zu sein.

Das Ungewöhnliche an diesem Ort ist aber eine einzelne Kirchenbank, die – mit Blick auf die Maria – etwas verloren mitten im Wald steht. Diese Bank hat mich von Anfang an fasziniert. Warum steht sie da? Sie lädt nicht unbedingt zum Hinknien ein, schon gar nicht bei kühler und nasser Witterung.

Doch erst nachdem ich eine Weile auf der Bank dahinter gesessen und auf das merkwürdige Bild vor mir geschaut habe, ist mir etwas aufgefallen. Diese Kirchenbank da vor mir könnte ja auch etwas ganz anderes sein. Ein Bilderrahmen zum Beispiel. Oder ein Fenster. Auf jeden Fall forderte sie mich dazu auf, hindurchzusehen.

Das musste ich natürlich sofort ausprobieren. Was würde ich entdecken? Ich spähte hindurch – und sah zwei mit Moos bewachsenen Steine. Und dahinter die gleichen Blätter und Äste wie außerhalb des Rahmens. Nichts Besonderes also.

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Und dennoch. Etwas war spürbar anders. Also ob ich beim Hindurchschauen plötzlich in eine andere Realität hineingeschaut hätte. Als ob sich ein Schalter umgelegt hätte. Einfach so. Ich war mit einem Problem an diesen Ort gekommen, für das ich bisher keine Lösung gesehen habe. Plötzlich veränderte sich meine Wahrnehmung, und mir wurde klar, dass ich das „Problem“ auch ganz anders betrachten konnte. Nicht als Problem, sondern als Lösung. Als ein sinnvolles Geschenk, um wieder mal etwas über mich zu lernen.

Da im Wald, vor dieser Kirchenbank sitzend, wurde mir bewusst, dass wir jederzeit in der Lage sind, unsere Perspektive zu wechseln. Die Dinge anders zu betrachten. Die Ereignisse, die uns das Leben beschert, mögen gleichbleiben – schwierige, traurige, belastende Ereignisse. Aber unsere Sicht darauf, die können wir verändern. Jederzeit und ausnahmslos. Wir müssen nur dazu bereit sein, einmal „anders“ darauf zu schauen. Drama oder Zuversicht. Wir haben die Wahl.

Es gab Phasen in meinem Leben, da wanderte ich beinahe täglich den steilen Weg zum Oberkälberstein hoch. Und kam jedes Mal mit einem sehr leichten Gefühl wieder herunter. Manchmal musste ich beim Abstieg sogar laut lachen. Über mich selbst und über das Leben. Denn so ziemlich alles, was ich als „Problem“ mit hinaufgeschleppt habe, hatte sich bis zum Abend komplett in Luft aufgelöst.

Ich bin dankbar, dass es diesen Ort gibt, weil ich dort erfahren habe, wie leicht das Leben tatsächlich sein kann – wenn wir uns dazu entschließen, dass es leicht sein darf.

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Und die freundliche Maria bekommt natürlich jedes Mal ein herzliches „Danke“ von mir.